Großvaters Weihnachtsgeschenk

Inge Rückbrodt 


Die Großväter sind es, die um die Weihnachtszeit die schönsten Spielzeuge kaufen. Für die eigenen Kinder genügte noch eine kleine Eisenbahn mit einem runden Schienenkranz und eine Puppe von handlichem Ausmaß, die Enkelkinder werden meist wie Königskinder beschenkt, denn was ein rechter Großvater ist, der greift vor Weihnachten für sein Enkelkind so lange in den Beutel, bis er den Bodensatz der roten Pfennige erreicht.
Ich unterscheide mich in nichts von anderen Großvätern. Wenn ich die Weihnachtsgeschenke zusammenzähle, die ich für das Fest nach Hause getragen habe, so könnte ich leicht drei Enkelkinder damit beschenken, ich habe aber nur eins, Peter heißt der Kleine, vier Jahre ist er alt und mein ganzer Stolz, verzeiht es mir. Die Leute sagen, er sähe mir ähnlich, aber das ist nicht wahr, ich war nie ein so schönes Kind, auch kein so kluges, er wird es einmal viel weiter im Leben bringen als ich. Er ist meiner Tochter Kind, die selbst erst fünfundzwanzig ist. Sie wohnen nur ein paar Straßen entfernt von mir. Keine zehn Minuten, was für ein Glück für einen Großvater. Obgleich ich gar nicht mehr gut zu Fuß bin, steige ich doch täglich die drei Stock zu ihrer Wohnung hoch, um den Kleinen zu
sehen und mit ihm zu spielen. Wir unterhalten uns ganz ernsthaft, man mag es glauben oder nicht, aber mit ihm geht mir der Gesprächsstoff nie aus, ich bin ihm ein besserer Zuhörer, als ich es sonst in der Runde der Erwachsenen zu sein pflege.
»Du darfst zu Weihnachten nicht nur an deinen Enkel denken, Johannes«, sagte meine Frau zu mir, »du mußt auch deiner Tochter und ihrem Mann etwas schenken.«
Ich brummte in meiner Art:
»Was ich dem Kind schenke, schenke ich auch der Mutter. Und was meinen Herrn Schwiegersohn betrifft, für ihn habe ich bereits ein Geschenk.«
»Im Ernst, Johannes?«
»Ja. Ihm verzeihe ich zu Weihnachten, daß er mir vor fünf Jahren meine Tochter weggenommen hat.«
Meine Frau, die die Klügere war, schüttelte den Kopf:
»Wir können vor ihnen nicht mit leeren Händen dastehen, es wäre das erste Mal — du mußt ein Weihnachtsgeschenk für deine Tochter und auch für ihren Mann haben, Johannes.«
Ich wehrte mich energisch:
»Wieso?« rief ich, »ich bin doch immer der Geprellte. Kaufe ich meiner Tochter einen schönen Teppich, läuft er darauf herum und hat immer warme Füße — schenke ich ihr ein Kleid oder einen Mantel, wer hat den Vorteil? Er, denn er kann sich mit ihr zeigen und mit der eleganten Frau bewundern lassen. Schenke ich ihr ein Parfüm, wer riecht es!? Er und immer wieder er!«
Ich unterscheide mich in nichts von anderen Schwiegervätern. So sind sie alle.
»Du musst ihnen trotzdem zu Weihnachten eine Freude machen, Johannes.«
»Nun gut, ich werde es mir überlegen.«
Ich ging lange mit mir zu Rate. Drei Tage vor Weihnachten kam mir der gute Gedanke. Ich ging hin und kaufte es. Ein Geschenk für beide. Für meine Tochter und meinen Schwiegersohn. Dass ich nicht früher auf die Idee gekommen war! Stolz trug ich das Geschenk nach Hause.
»Du strahlst, Johannes?«
»Ich habe für die Kinder ein Weihnachtsgeschenk gekauft.«
»Fein, Johannes! Was ist es?«
»Ein Theaterabonnement.«
»Ein Theaterabonnement?«
»Oper und Schauspiel gemischt. Jede Woche eine Vorstellung. Zwei Plätze in der achten Reihe Parkett.«
Meine Frau bekam schmale Lippen.
Das bekommt sie immer, wenn ich eine Dummheit gemacht habe.
»Johannes! Johannes! Unüberlegt wie immer!«
»Im Gegenteil. Alles genau bedacht und erwogen.«
»Die Kinder können doch gar nicht ins Theater gehen!«
»Warum nicht? Sind sie amusisch?«
Wenn meine Frau es gewagt hätte, hätte sie mir an die Stirn getippt.
»Sie haben doch den Kleinen! Sie können ihn doch nicht jede Woche einen ganzen Abend allein in der Wohnung lassen!«
Da strahlte ich glücklich über das ganze sicht, legte meinen Arm um meine Frau sagte:
»Deswegen schenke ich ihnen ja das Theaterabonnement. Auf diese Weise müssen jede Woche einmal den Kleinen am Abend zu uns herüberbringen, und er wird die ganze Nacht bei uns schlafen — das hast du dir doch immer gewünscht — da, nimm das Taschentuch und putz dir die Nase …«


Quelle: Inge Rückbrodt, (vermutlich, leider war die Autorenschaft nicht zweifelsfrei zu ermitteln)

Slide 2